Von Arne Ulbricht Am 15.03.2012 sind auf der Leipziger Buchmesse die prämierten Titel des zum ersten Mal verliehenen Leipziger Lesekompass bekannt gegeben worden. Die ausgewählten Bücher – unter http://www.leipziger-buchmesse.de/lesekompass/ findet man sämtliche Titel – sollen vor allem eine Aufgabe erfüllen: Sie sollen Kinder in drei verschiedenen Altersklassen (bis sechs, bis zehn und bis vierzehn Jahre) für das Lesen BEGEISTERN! Sie sollen spannend oder witzig oder bewegend sein. Sie sollen so geschrieben sein, dass die Kinder und Jugendlichen die Bücher nicht mehr aus der Hand legen. Ich selbst bin als „Kolumnist“ des Vorleseclubs im September gefragt worden, ob ich nicht als Juror tätig sein wolle. Und ob ich wollte. Darüber, dass ich für die Altersgruppe 10 – 14 auserkoren worden bin, hatte ich mich gefreut.
„Exakt zehn Kilo Bücher!“
Die Freude wich der Verzweiflung, als das Paket kam. Die Bücher – darunter zwei Hörbücher, die in Buchform siebenhundert Seiten umfasst hätten und gebunden wesentlich schwerer gewesen wären – wogen exakt zehn (!) Kilo. Für meinen achtjährigen Sohn war es wiederum, als wären Weihnachten und der Geburtstag zusammengefallen. Er schlug vor, die aktuelle Vorleselektüre (Käpt’n Blaubär) zu unterbrechen und abends eines der Bücher vorzulesen. Warum nicht? Und in der Tat: Vorlese- und Arbeitszeit sollten sich in den folgenden Wochen jeden Abend eine halbe Stunde lang decken. Ich war dennoch entsetzt. Denn ich sollte allen Ernstes (die siebenhundert Hörbuchseiten inklusive) über 5500 Seiten lesen! Na toll. Das entsprach – wir hatten ja nur wenige Wochen Zeit – einem täglich zu bewältigenden Leseberg von über 150 Seiten.
„Die erste Aktion war nicht der Beginn, sondern der Abbruch einer Lektüre.“
Die erste Aktion war dann auch nicht der Beginn, sondern der Abbruch einer Lektüre: 1Q84 von Murakami wurde auf Seite 344 mitten im Kapitel vorläufig beendet. Aber mit welchem Buch sollte ich anfangen? Einfach mit dem ersten Buch auf der Liste? Das wäre dann ein Buch gewesen, das mich nicht angesprochen hätte. Gleich einen der dicken Wälzer? Nee, es wäre zu frustrierend gewesen, gleich für das erste Buch vier Tage zu brauchen. Beim dünnsten Buch handelte es sich um eine Art erzähltes Sachbuch über Vampire. Mit diesem Buch fing ich an. Als meine Frau abends von der Arbeit kam und ich ihr mein Leid klagte, schüttelte sie den Kopf, dachte vermutlich, so doof kann auch bloß wieder mein Mann sein, und sagte, man müsse die Bücher doch nicht ganz lesen, Hauptsache man erhalte einen „bewertungsrelevanten Eindruck“ (sie ist Wissenschaftlerin). Außerdem würde sie ja auch helfen und einige Bücher lesen. Sofort gab ich ihr eine kleine Auswahl an Büchern, die auf den ersten Blick eher etwas für Mädchen waren und daher eh nicht in Betracht kamen. Nun stand in der Ausschreibung zwar nicht explizit, dass der Lesespaß unbedingt geschlechtsübergreifend vermittelt werden sollte. Aber da Jungs offiziell weniger (gern) als Mädchen lesen, wäre es schlicht idiotisch, empfähle man Bücher, deren Cover und Titel ausschließlich weibliche Leser ansprächen.
„Der Ehealltag veränderte sich.“
Schon wenige Tage nach Beginn des Lesemarathons stellte ich fest, wie sehr sich die Wahrnehmung für den Wert von Zeit veränderte. Zum Beispiel konnte ich die Weihnachtsfeier der Ganztagsbetreuung in der Grundschule nicht genießen. Sie begann um halb drei und endete um drei. Ohne Auto lohnte es sich nicht, noch einmal nach Hause zu fahren und zu lesen, also nahm ich meinen Sohn gleich mit und holte ihn somit um drei und nicht erst um vier ab. Ein einziger Gedanke schoss mir durch den Kopf: Eine Stunde Lesezeit ist verpufft. Beim Legobauen hörten mein Sohn und ich nicht mehr Star Wars, sondern die Hörbücher. Auch der Ehealltag veränderte sich: Weder guckten meine Frau und ich abends DVDs, noch lasen wir Zeitung oder Erwachsenenromane. Sondern wir lasen Kinderbücher. Erst auf dem Sofa. Dann im Bett. Plötzlich redeten wir nicht mehr über Murakami (s.o.), sondern über ein zwölfjähriges Mädchen namens Zoë, der Protagonistin des gleichnamigen Buchs.
„Das Lesen – eine abenteuerliche Welt- und Zeitreise.“
Das Lesen war übrigens keine Qual, sondern es war wie eine Weltreise: Ich wurde nach Rumänien, nach Afghanistan, in den Iran, nach Frankreich, nach Holland, in die USA und nach England entführt. Und sie war abenteuerlich, die Weltreise: Ich erlebte mit den Protagonisten manchmal wilde, manchmal alltägliche, manchmal ein wenig hanebüchene, aber nie langweilige Abenteuer. Und natürlich begab ich mich nicht nur auf eine Weltreise, sondern zugleich auf eine Zeitreise, die mich ins Mittelalter, in die Dreißiger Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts, in den zweiten Weltkrieg und in die Zukunft katapultierte. Das Entsetzen über die Quantität war schon nach Lektüre der ersten drei Bücher einem Staunen über die Qualität der Vorauswahl gewichen. Die Juryarbeit wäre das purste Vergnügen gewesen, hätten die Tage nicht bloß vierundzwanzig Stunden gehabt. Deshalb war die Freude groß, als ein Buch nach zweihundert Seiten in Hinblick auf die Kriterien so wenig Potential erkennen ließ, dass die folgenden fast dreihundert Seiten überflogen werden konnten. Ich fühlte mich dabei wie ein Wanderer, der auf einer viel zu lang geratenen Wanderung unverhofft eine Abkürzung entdeckte. Die Freude währte allerdings nur kurz, denn meine Frau legte mir bis zum Jahresende ein Buch nach dem anderen mit dem Kommentar zurück: „Das musst du selbst lesen, das ist toll!“ (Alle Bücher, die es auf die Liste mit den Favoriten schaffen sollten, wollte ich komplett selbst lesen.)
„Das neue Jahr begann, wie das alte aufhörte.“
Beim Bergfest blickte ich stolz zurück: 2500 Seiten waren gelesen worden. Das hieß leider auch: 3000 (!) Seiten fehlten noch. Und Heiligabend, die Weihnachtsfeiertage, Silvester und Neujahr lagen in der zweiten Hälfte der Lesezeit. Die Zeit verrann erbarmungslos, aber Heiligabend konnte ich trotzdem nicht und am ersten Weihnachtstag nur wenig lesen. Meine Kinder hatten zwar Verständnis. Aber Heiligabend… das ging einfach nicht. Auf die traditionellen Familientage über Neujahr bei der Verwandtschaft verzichtete ich allerdings – es blieb mir auch keine andere Wahl. Obwohl mich meine Frau und die Kinder in Ruhe ließen (weil sie nicht da waren), fühlten sich die letzten Tage des Lesemarathons an wie die letzten fünf Kilometer eines Laufmarathons. Irgendwie konnte ich nicht mehr, aber es fehlten noch fünf Bücher. Also las ich am letzten Tag des Jahres 330 Seiten. Und so wie das Jahr aufhörte, begann dann auch das neue Jahr. Das letzte Buch – 300 Seiten lang – las ich am allerletzten Tag. Dann, kurz vor dem Leseburnout, war es geschafft. Da ich wochenlang ständig und fast ausschließlich über die Bücher nachgedacht hatte, fiel es mir nicht schwer, eine eigene Auswahl zu treffen.
„Wie sieht der erste Abend nach der Pflichtlektüre aus, die sich über viele Wochen lang hingezogen hat?“
Hatte diese Arbeit außer dem Spaßfaktor einen Mehrwert? Ja, denn plötzlich begann ich mich zu schämen, jahrelang ausschließlich auf die Klassiker zurückgegriffen zu haben. Warum hatte ich eigentlich nie einer Neuerscheinung eine Chance gegeben? Und hatte ich nicht vielen Büchern gegenüber Vorurteile, die so massiv waren, dass ich die Bücher meiner Frau gegeben hatte? Wie grausam, hätte ich mich bis zum Schluss geweigert, eines der „Mädchenbücher“ zu lesen. Dann hätte ich diese verrückt-lebendige Zoë, dieses elternlose Mädchen, das in eine Reihe mit Pipi Langstrumpf, Ronja Räubertochter und Hermine Granger gehört, nie kennen lernen dürfen. Und was hätte ich verpasst, wenn ich dieses äußerst umfangreiche Buch mit dem kitschigen Cover nicht gelesen hätte? Viel! Denn das Buch Das verbotene Eden, das ich in einem Buchladen nicht mal mit Handschuhen angefasst hätte, war nichts anderes als ein klassischer Pageturner für Jugendliche… Vor allem aber hat das Dauerlesen eines bestätigt: Lesen ist und bleibt etwas Einzigartiges. Nichts lässt einen für Stunden, Tage und Wochen mehr abtauchen in eine andere Welt, die man Seite für Seite entdeckt. Und? Wie sah der erste Abend nach der Pflichtlektüre, die sich über viele Wochen lang hingezogen hat, aus? Richtig. Ich las. Es ging weiter auf Seite 344 in 1Q84.
Arne Ulbricht, 39, lebt mit seiner Familie in Wuppertal. Seine Texte – darunter sowohl Kolumnen für den Vorleseclub als auch Artikel für die Süddeutsche Zeitung und unveröffentlichte Prosa – finden Sie unter www.arneulbricht.de.