©Fotostudio Barthel, Bamberg
Ich habe als Kind gerne "Die Erzählungen aus den Tausendundein Nächten“ gelesen. Als ich „Lippels Traum“ schrieb, nahm ich den Anfang einer der Geschichten aus diesem alten Buch. Sie handelt vom jungen Königsohn, der eine Woche lang nicht sprechen darf. Im Original geht die Geschichte aber ganz anders weiter als ich sie dann von Lippel träumen ließ.
Es hatte mich gereizt, den Anfang einer uralten Geschichte zu nehmen und sie einfach weiterzuschreiben.
Hier habe ich mir nun den Anfang zu einer anderen Geschichte ausgedacht. Vielleicht macht es euch Spaß, diese Geschichte von Lippel weiterträumen zu lassen, ähnlich, wie ich es im Buch gemacht habe. Habt ihr Lust, den unten stehenden Anfang meiner Geschichte weiterzuspinnen? Dann bin ich gespannt, welche Fortsetzung ihr euch ausdenkt!
Euer Paul Maar
Die geheimnisvolle Insel
„Lippel, jetzt knips endlich das Licht aus“, sagte Lippels Mutter. „Du kannst nicht endlos lesen. Du hast morgen Schule!“
„Nur noch die eine Seite!“, bat Lippel. „Der Anfang von meinem neuen Buch ist so spannend.“
„Gut. Aber in drei Minuten komme ich und mache das Licht aus“, sagte seine Mutter.
„Ja, gut“, sagte Lippel und las:
Am 26. Mai 1767 näherte sich das englische Postschiff „Antilope“ einer Insel, die auf keiner Seekarte verzeichnet war. Da das Trinkwasser an Bord zur Neige ging, ließ Samuel Nicholson, der Kapitän, das Schiff in eine ruhige Bucht steuern und dort anlegen. Dann schickte er vier seiner Männer an Land mit dem Auftrag, nach einer Quelle und sauberem Wasser zu suchen.
Wenn die vier Männer Wasser gefunden hatten, sollten sie ein weit sichtbares Feuer entzünden, das man vom Schiff aus sehen konnte. Dann würden der Steuermann und zehn seiner Leute mit Fässern und Tonnen aufbrechen, um das begehrte Trinkwasser zu holen.
Die Schiffsbesatzung hielt immer wieder Ausschau nach dem vereinbarten Feuerzeichen. Aber man wartete vergeblich.
Als die vier Männer weder am Abend noch in der darauf folgenden Nacht zurückgekehrt waren, machte sich am nächsten Morgen der Kapitän selbst auf die Suche nach den Vermissten. Begleitet wurde er von seinem ersten Offizier und seinem Sohn Peter, der als Schiffsjunge auf der Antilope mitgefahren war.
Dichter Wald säumte das Ufer der Insel. Die drei bahnten sich einen Weg durchs Unterholz.
An geknickten Zweigen, beiseite geräumten dürren Ästen und niedergetrampeltem Gras konnten sie erkennen, welchen Weg die vier Männer am Vortag genommen hatten. Sie folgten ihren Spuren.
Plötzlich blieb Peter stehen.
„Was ist los“, fragte sein Vater. „Was hast du?“
„Habt ihr auch dieses merkwürdige Geräusch gehört?“, fragte Peter.
Sein Vater lauschte. „Ich höre nichts“, sagte er. „Du musst dich täuschen.“
So weit war Lippel gerade gekommen, als seine Mutter wieder ins Zimmer schaute. „So, jetzt ist aber Schluss“, sagte sie. „Gute Nacht, Lippel. Schlaf gut!“ Damit knipste sie das Licht aus.
Lippel protestierte: „Du bist ja genau so gemein wie Frau Jakob“, sagte er.
Seine Mutter lachte. „Immerhin nehme ich dir dein Buch nicht weg“, sagte sie. „Morgen darfst du gerne weiterlesen. Oder aber du musst die Geschichte eben weiterträumen.“
„Keine schlechte Idee“, antwortete Lippel, drehte sich auf die Seite und war kurz darauf eingeschlafen. Und schon war es, als hörte er die Urwaldbäume rauschen, hörte das Kreischen der Papageien und roch den Duft der fremdartigen Blumen.
Und plötzlich hörte er auch dieses sonderbare Geräusch – und war mitten in seiner Geschichte.
„Peter hat recht“, rief Lippel. „Hören Sie es wirklich nicht, Herr Kapitän?“
„Wo kommst du denn her?“, fragte Peter erstaunt.
„Ist doch egal“, sagte Lippel. „Meint ihr nicht, dass wir diesem Geräusch nachgehen sollten?“
„Nun höre ich es auch“, sagte der erste Offizier. "Merkwürdig: Das Geräusch kommt immer näher"! ...
Wie geht die Geschichte wohl weiter? Jetzt seid ihr dran!