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Pressemitteilungen

23.08.2013

Studie zu funktionalem Analphabetismus am Arbeitsplatz

Arbeitgeber und Kollegen bieten kurzfristige Hilfsmaßnahmen, aber keine nachhaltige Problemlösung

Logo stiftung lesen neu ©Stiftung Lesen

Mainz, 23. August 2013. In Deutschland leben 7,5 Millionen erwachsene Menschen, die trotz Schulbesuchs nicht richtig lesen und schreiben können. Dies entspricht einer Quote von 14,5 Prozent der Deutsch sprechenden Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zwischen 18 und 64 Jahren. Mangelnde Lesefähigkeit stellt die Betroffenen vor große Herausforderungen, ihren Alltag zu bewältigen und sich für einen Beruf zu qualifizieren. Das hat Folgen für die gesamte Gesellschaft: Hochgerechnet ist in den kommenden 10 Jahren mit 15 Milliarden Euro Folgekosten zu rechnen, wenn es nicht gelingt, niedrig qualifizierten Menschen Bildungschancen und Perspektiven zur Teilhabe am sozialen und beruflichen Leben zu ermöglichen beziehungsweise zu erhalten.

Eine Studie des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen untersucht jetzt die Situation von funktionalen Analphabeten am Arbeitsplatz, das Klima unter Kollegen und Vorgesetzten sowie Ansatzpunkte, wie am Arbeitsplatz für das Problem sensibilisiert werden kann. Mit Hilfe der Studienergebnisse sollen langfristige und nachhaltige Lösungen entwickelt werden, wie im betrieblichen Umfeld das Problem des funktionalen Analphabetismus bewältigt werden kann. Im Mittelpunkt stehen Beschäftigte in Branchen und Tätigkeitsfeldern, in denen der Anteil funktionaler Analphabeten überdurchschnittlich hoch ist, zum Beispiel im Baugewerbe, in der Gastronomie oder der Gebäudereinigung. Kurz vor dem Weltalphabetisierungstag am 8. September liegen erste Zwischenergebnisse der Untersuchung vor, die im Rahmen des Förderschwerpunkts „Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung durchgeführt wird.

Die beispielhafte Befragung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern hat gezeigt, dass das Problem des funktionalen Analphabetismus am Arbeitsplatz kein verstecktes ist: Kollegen und Vorgesetzten ist oftmals bekannt, wenn ein Mitarbeiter nicht oder nur schlecht lesen kann. Dementsprechend greifen sie auf kurzfristige Hilfsmechanismen zurück, um den Betroffenen das Lesen abzunehmen, mögliche Fehler zu minimieren und die Arbeit effizienter zu gestalten. Das kann Vorlesen genauso sein wie z.B. festgelegte Farbkodierungen auf Putzmitteln. Dr. Simone C. Ehmig, Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen: „Der weitgehend offene Umgang am Arbeitsplatz mit funktionalem Analphabetismus überrascht auf den ersten Blick. Allerdings zeigen unsere Untersuchungen auch, dass das Problem nicht als gesellschaftliche Aufgabe erkannt wird, die man nachhaltig angehen sollte. Vielmehr werden lediglich die Symptome kuriert.“

Zwar hat die Befragung ergeben, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer grundsätzlich offen dafür sind, funktionale Analphabeten beim Lesenlernen zum Beispiel durch den Besuch eines Alphabetisierungskurses zu unterstützen. Die praktische Umsetzung langfristiger Hilfen erfolgt jedoch kaum. Die Gründe dafür sind vielschichtig: Ein Großteil der Befragten sieht keine Notwendigkeit, dass Arbeitnehmer in bestimmten Branchen – wie zum Beispiel im Baugewerbe oder in der Gebäudereinigung – über umfassende Lesekenntnisse verfügen müssen. Der Leidensdruck der Betroffenen scheint somit geringer zu sein, als bisher vermutet. Hinzu kommt der mit dem Besuch eines Alphabetisierungskurses verbundene Zeitaufwand: betroffene Arbeitnehmer haben neben einer Vollzeitbeschäftigung kaum die (zeitlichen) Ressourcen, einen solchen Kurs zu besuchen; gleichzeitig wird eine Freistellung für einen Alphabetisierungskurs sowohl von Arbeitgebern als auch Kollegen kritisch gesehen.

Im nächsten Schritt der Studie „Sensibilisierung von Arbeitnehmern für das Problem des funktionalen Analphabetismus“ werden 2.000 Personen repräsentativ befragt. Endergebnisse zu Ansatzpunkten, das Thema Analphabetismus am Arbeitsplatz zu problematisieren und damit Rahmenbedingungen für nachhaltige Lösungen zu schaffen, stellt die Stiftung Lesen im Mai 2014 vor.