Jugendlicher mit Büchern

Beiträge zur Leseförderung in der Jugendarbeit

Perspektiven und Experten

Um Lesefreude bei Kindern und Jugendlichen zu wecken und den Spaß am Lesen lebendig zu halten, bedarf es zeitgemäßer Methoden und außergewöhnlicher Ansätze in der Leseförderung. Die außerschulische Jugendarbeit bietet einen idealen Raum, um neue Ideen auszuprobieren und innovative Perspektiven einzunehmen.

In den Beiträgen zur Leseförderung in der Jugendarbeit kommen Wissenschaftler und Experten zu Wort, die unterschiedliche Aspekte und Wege der Leseförderung beleuchten und vor dem Hintergrund der schulischen und außerschulischen Bildung diskutieren. 

12.08.2016

Dr. Sigrid Fahrer: Lesen und Bewegung – Leseförderung zwischen Bolzplatz und Bibliothek

Lesen und Sport ©Stiftung Lesen

Lesen und Bewegung scheinen auf den ersten Blick nur wenige Gemeinsamkeiten zu besitzen, ja sich vielmehr diametral zueinander zu verhalten: Dem Lesen als kontemplativer Tätigkeit, die im Liegen oder Sitzen ausgeübt wird, steht die Bewegung als Ausgleich zu geistigen Herausforderungen, als Möglichkeit „den Kopf frei zu bekommen“, gegenüber.

Untersuchungen und Beobachtungen aus verschiedenen Disziplinen demonstrieren jedoch, dass es viele Berührungspunkte zwischen den beiden Bereichen gibt und ihre Verbindung überdies positive Effekte zeitigt.


Die frühkindliche Sprachforschung zeigt uns, dass Spracherwerb und Bewegung eng miteinander zusammenhängen, Sehen und Hören z. B. mit der Fein- und Grobmotorik verknüpft sind (vgl. Zimmer 2009, S. 74). Eine Verschränkung der beiden Bereiche kann sich in dem Sinne entwicklungsfördernd auswirken, dass die taktile Wahrnehmung geschult, die Sprechfreude angeregt und bei Deutsch lernenden Kindern auch der Wortschatz erweitert wird (vgl. Suhr 2008, S. 11 ff.). Aus der Neurologie wissen wir, dass Bewegung die Hirntätigkeit stimuliert und damit die Aufnahmefähigkeit, Konzentrationsleistung und das Gedächtnis befördert (vgl. Clancy 2008, S. 13). Das kommt natürlich auch dem Leselernprozess sowie dem Erfassen von Texten aller Art zugute.

Die Verbindung von Lesen und Bewegung ermöglicht es Kindern und Jugendlichen, sich mit ihren jeweiligen Fähigkeiten einzubringen. Bei Lese- und Bewegungsspielen kann jeder mit dem punkten, was er gut kann, fühlt sich mit seinen Stärken in seinem Team aufgehoben und wertgeschätzt und lässt sich auf dieser Basis auf neue Lese- und Sportherausforderungen ein. Dabei hat das Gegensatzpaar „Sportskanone und Bücherwurm“ keine Chance mehr: Jeder kann beides sein, seinen Horizont erweitern, altes Schubladendenken hinter sich lassen und entdecken, wie viel Spaß in Büchern und Bewegung steckt.

Wichtig dabei ist, dass die beiden Bereiche in der Praxis nicht getrennt werden, nicht zuerst der Sportparcours absolviert und dann anschließend in der Leseecke entspannt wird, sondern Lesen und Bewegungen in einzelnen Übungen und Aktionen miteinander verschmelzen. Wörter können als Ausgangspunkt für Bewegung dienen oder man kann während der Bewegung vorlesen, auf das Vorgelesene können die Zuhörer mit Bewegung reagieren oder Bücher lassen sich als Sportobjekte nutzen. So stellen sich die fördernden Effekte, die eine Verbindung der beiden Bereiche hervorrufen können, in besonderem Maße ein. Spiele und Aktionen, die nach diesem Prinzip Lesen und Bewegung miteinander verknüpfen, wurden im Rahmen der Initiative „Lesen in Bewegung“ der Baden-Württemberg-Stiftung und der Stiftung Lesen entwickelt und können auf der Projektwebseite kostenlos heruntergeladen werden: www.lesen-in-bewegung.de

Kinder und Jugendliche benötigen Lesevorbilder, die ihnen zeigen, dass Lesen Spaß macht. Wer eignet sich dafür besser als Sportler? Nichts beeindruckt mehr, als wenn sich ein prominenter Fußballer oder ein bewunderter Extremsportler als begeisterter Leser „outet“. Dann springt der Funke über: „Wenn du liest, trainierst du deine Muskeln – nämlich die von deinem Gehirn! Das war der beste Spruch, den ich über das Lesen gehört habe!“, schreibt Amir (15) nach dem Klassenbesuch des WWE-Superstars und Lesebotschafters Rey Mysterio im Rahmen eines Projekts der Stiftung Lesen.

Viele Sportler nutzen diese Strahlkraft, um sich für das Lesen einzusetzen, so auch die Fußballer Philip Lahm und Steffi Jones, die Extremsportler Joey Kelly und Alexander Huber, die Fechterin Britta Heidemann, die Boxerin Regina Halmich und die Schwimmerin Franziska van Almsick, die zu den Lesebotschaftern der Stiftung Lesen zählen. Ihr Engagement ist ein wichtiger Baustein für ein positives Bild vom Lesen in allen Bevölkerungsschichten. Denn das klassische Leseimage, bei dem Lesen mit dem stillen Kämmerlein, als solitäre und inaktive Beschäftigung, als schulische Maßnahme mit Notendruck und Zwang assoziiert wird, ist einer der Hauptgründe für Kinder und Jugendliche, nicht gerne zu lesen. Die sportlichen Lesebotschafter, die hohes Ansehen genießen, beweisen, dass sich Lesen und sportliche Aktivität keinesfalls ausschließen und der, der in Geschichtenwelten eintaucht, auch enorm aktiv ist.

Grundlage für die Verknüpfung von Lesen und Bewegung sind packende, abwechslungsreiche und vor allem niedrigschwellige Leseangebote, die Sport- und Bewegungsthemen aufgreifen und so an die Interessen und Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen anknüpfen. Mit den passenden Lesemedien können Kinder und Jugendliche entdecken, dass zwischen Buchdeckeln viel Action steckt und man in Zeitschriften Spannendes über die eigenen Hobbies erfährt, was nicht zuletzt dem Fachsimpeln zu Gute kommt. Lesemedien gibt es zu vielen Sportarten – allen voran natürlich zum Fußball. Bei diesem Thema bleibt kein Wunsch unerfüllt: Erstlesebücher, Vorlesebücher, Sachbücher, Trainingsbücher, Romane, Rätselbücher, Bücher mit integrierten Spielen, Wissenskarten, Hörbücher und Kinder- und Jugendzeitschriften. Aber auch für andere Sportarten wie Skateboard, Karate und Ballett lassen sich geeignete Titel finden. Für jede Zielgruppe, für jeden Geschmack und für jede Situation ist also etwas dabei. Entsprechende Angebote lassen sich im Bereich „Service“ unter www.stiftunglesen.de in den thematisch durchsuchbaren Leseempfehlungen der Stiftung Lesen recherchieren.

Das Schöne an „Lesen in Bewegung“ ist, dass sich Aktionen und Projekte flexibel an die jeweiligen Bedürfnisse der Zielgruppen sowie an die institutionellen Rahmenbedingungen anpassen lassen, von Lese- und Bewegungsspielen im Jugendtreff bis hin zu Lesenächten in der Sporthalle. Es ist an den Multiplikatoren und Praktikern, den Pädagogen, Erziehern, Trainern, Bibliothekaren und Ehrenamtlichen, den Ansatz mit Leben zu füllen und Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und auch Senioren zu zeigen: Lesen bewegt!

Literatur

Clancy, Mary Ellen (2008): Besser lernen durch Bewegung – Spiele und Übungen fürs Gehirntraining. Iserlohn: Verlag an der Ruhr.

Suhr, Antje (2008): Sätze rollen – Wörter fliegen. München: Don Bosco.

Zimmer, Renate (2009): Sprache und Bewegung. In: Breitkopf, Tanris: Kinder bilden Sprache – Sprache bildet Kinder: Sprachentwicklung und Sprachförderung in Kindertagesstätten. Münster: Waxmann Verlag.

Dr. Sigrid Fahrer arbeitet seit 2009 bei der Stiftung Lesen. Dort ist sie u.a. für den Schwerpunkt „Lesen und Bewegung“ zuständig. Zudem leitet sie den Entwicklungsbereich „Digitales Lesen“ der Stiftung Lesen.

18.05.2016

Dr. Petra Anders: Poetry Slam als Leseförderung im Medienverbund

Dynamische Jugendliche Icon ©Fotolia

Poetry Slam ist ein Veranstaltungsformat, bei dem ungefähr zwölf Slam-Poeten nacheinander ihre selbstverfassten Texte vor Publikum vortragen (performen) und das Publikum (per Stimmtafel oder ähnlich) den besten Poeten kürt. Es gilt ein Zeitlimit von meist 3 oder 5 Minuten. Eine/n Moderator/in sorgt für Stimmung, sammelt die Punkte ein und moderiert die Poeten an und ab. Im Gegensatz zum Rap gibt es keine Musikbegleitung, keinen Gesang und auch kein gegenseitiges Beschimpfen und Beleidigen (dissen). Kostüme und andere Hilfsmittel sind nicht erlaubt.


Die Texte sind entsprechend der gesetzten Zeitvorgabe kurz(-weilig) und enthalten mehr oder weniger lyrische oder erzählende, teilweise auch dramatische Elemente. Oft wirken die Texte alltagsnah, zitieren Literatur, Medien und Popkultur, weisen Schlusspointen und Refrainstrukturen auf, wirken durch ihre Rhetorik unterhaltsam und sind publikumswirksam gestaltet. Durch Merkmale sowie das einladende Veranstaltungsformat, das oft in jugendkulturellen Locations platziert ist, und die meist charismatischen Performer_innen und Moderator_innen löst der Poetry Slam weltweit und über alle Generationen hinweg Begeisterung oder zumindest Interesse für Slam Poetry – also die auf dem Poetry Slam vorgetragenen Texte – aus.

Poetry Slam ist eine Steilvorlage für die Leseförderung, wenn man von einem weiten Lesebegriff ausgeht, der nicht nur Printtexte, sondern auch Hör- und Filmtexte einbezieht:

  • Slam Poetry ist im Medienverbund rezipierbar, d.h. Kinder und Jugendliche können zwischen Live-Auftritten, gedruckten Texten sowie gefilmten Live-Mitschnitten und filmerisch gestalteten Poetry Clips auswählen, diese Medien kombinieren und vergleichen. Das holt Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Rezeptionsgewohnheiten ab und hilft Lesekrisen zu überwinden.
  • Viele Texte sind niedrigschwellig zu rezipieren, weil sie als gesprochene Hörtexte in Großraumveranstaltungen an sich vom Wortschatz und syntaktisch schnell verständlich sein müssen, eher wenig Leerstellen enthalten und konkret formulieren, viele Anknüpfungspunkte an jugendliche Alltagswelten bieten und dadurch Kontextwissen aktivieren. Die Performance der Poeten unterstützt zusätzlich die Bildung eines mentalen Modells des Textes und die refrainartigen Wiederholungsstrukturen können entlastend wirken.
  • Die sogenannten U20-Jugend-Poetry Slam Bewegung, die sich speziell an Kinder und Jugendliche richtet, hilft beim Aufbau eines stabilen Selbstkonzept als Leser_in: Es gibt eine große Vielfalt der Slam Poetry zu entdecken, und zwar nicht nur lesend, sondern auch hörend und zuschauend, schreibend und kommentierend. Für ihre eigene literarische Sozialisation profitieren besonders Jugendliche, die selbst als aktive Slam-Poeten in dieser Szene mitwirken (vgl. Anders 2010). 
  • Die soziale Funktionen des Lesens, vor allem des Vorlesens und Zuhörens, wird durch das Format direkt vorgegeben: Dadurch, dass das Publikum die Jury ist, gibt es direktes Feedback und teilweise auch ungezwungenen Austausch über die gehörten Texte. Beim Poetry Slam bleibt das jedoch eher oberflächlich. Die schulische und außerschulische Bildung kann die Anschlusskommunikation intensivieren, etwa indem die Jury die Punktvergabe im Nachhinein begründet, die Kinder und Jugendlichen ihren persönlichen Lieblingstext nochmals vorstellen, die Machart und Wirkung der Texte diskutieren oder zu den gehörten Texten Paralleltexte oder Gegentexte schreiben. Das eigene Involviertsein in einen Poetry Slam, etwa als als Publikumsjury oder indem ein befreundeter Poet für die eigene Klasse oder Heimatstadt bei Wettbewerben startet, sowie der Austausch über Poetry Clips oder Live-Mitschnitte informell mit Gleichaltrigen kann ein starker Anlass für die Rezeption literarischer Inhalte sein.

Es lassen sich auch Brücken zu Lesemedien schlagen, etwa durch die zahlreichen Anthologien der Slam Poetry, durch das Lesen von Bestsellern populärer Slam-Poeten oder durch Dead-Or-Alive-Slams, bei denen Poeten mit eigenen Texten gegen Poeten antreten, die Klassiker der Weltliteratur performen. Es ist auch vorstellbar, einen „Cover-Slam“ – schon möglich mit Kindern im Hortbereich der Schuleingangsphase – zu veranstalten, wenn die Kinder, auch im Team, ihre Lieblingstexte auf die Bühne bringen, z.B. kurze auswendig gelernte Dialoge oder Balladen, ein Gedicht, eine Szene aus einem Superhelden-Comic oder einem Bilderbuch oder den Text eines Songs.

Für fortgeschrittene Leser_innen (ab Klasse 3) eignet sich auch das Format des Book Slams® (http://www.bookslam.de), da hier bereits Performance-Fähigkeiten, aber noch keine selbst verfassten Texte im Vordergrund stehen. Wer auch explizit visual literacy fördern will, kann den Kurzfilm-Slam initiieren (http://www.zeise.de/film/0-45/Shortfilm+Slam.html).

Ein Poetry Slam-Projekt mit selbst geschriebenen und performten Texten ist erfahrungsgemäß ab cirka 15 Jahren anzusetzen, wobei es natürlich immer auf die individuellen Kinder und Jugendlichen und ihre Vorerfahrungen ankommt. Bei der Planung des Projektes sind folgende mögliche Herausforderungen bei der Teilhabe an der Poetry Slam-Kultur zu beachten:

  • Die Kinder und Jugendlichen finden Themen, die ein altersgemischtes Publikum spannend finden könnte, zum Beispiel auch mit politischen oder gesellschaftlich relevanten Inhalten.
  • Sie imitieren nicht nur die in der Schule oder bei anderen Poetry Slams kennengelernten literarischen Formen, sondern gehen auch darüber hinaus, spielen mit Formen und finden eigene. Ausdrucksmittel oder kombinieren die bereits Vorgefundenen neu (z.B. ein Rap mit klassischen Versen; eine Serie in 5 Minuten etc.)
  • Sie bringen eine eigene Meinung bzw. Gefühle und Gedanken für das Publikum auf die Bühne.
  • Sie können ihren eigenen Auftritt einschätzen, d.h. sie halten sich an die vorgegebene Zeit, sind textsicher bzw. arbeiten souverän mit Zetteln oder andere Merkhilfen und können mit der sofortigen  Rückmeldung des Publikums (Applaus, aber signalisierte Abneigung, Punktevergabe) umgehen.
  • Sie sind bereit, Einladungen für Auftritte bei anderen Poetry Slams anzunehmen und dorthin zu reisen, da die Einladungskultur ein Bestandteil des Poetry Slams weltweit ist.

Nicht jede/r muss selbst auf der Bühne stehen – das Format lässt ganz unterschiedliche Rollen zu, so sind neben den performenden Poet_innen auch der Moderator bzw. die Moderatorin und die Zuschauer_innen wichtig. Es können auch Poeten-Coaches eingeplant werden, die bei der Performance beraten, im Internet nach Poetry Clips mit spannenden Auftritten anderer Poet_innen recherchieren und Rückmeldungen auf die Texte und die Auftrittsgestaltung geben.

Lesen und Vorlesen sind Fähigkeiten, die zum lebenslangen Lernen gehören und zeitlebens geschult und immer wieder neu motiviert werden sollen. Weil die Performance bereits wichtig beim sinngestaltenden Vorsingen und Vorlesen von Eltern, Erzieher_innen und Grundschullehrkräften ist, sind Poetry Slams nicht nur für Kinder und Jugendliche relevant, sondern genauso für die (Vor-)lesevorbilder: Sie sind diejenigen, die Kinder mit Literatur und Sachtexten in Kontakt bringen und das Selberlesen und Vorlesen initiieren. Daher eignen sich Poetry Slams sowie Workshops zur Performance und zum Kreativen Schreiben auch unbedingt für die Erwachsenen in Erziehungsberufen zur eigenen Professionalisierung. Wer mit Verve vorliest, vorträgt, oder selbst ausgedachte Geschichten erzählt, ist das beste Vorbild für literacy.

Eine Kooperation mit den örtlichen Poetry Slams, die es mittlerweile in jeder größeren Stadt gibt (http://www.myslam.net/de/poetry-slam-calendar), ist der erste Schritt in diese lebendige, weltweit aktive Lese- und Vorlesekultur für Kinder, Jugendliche und alle Literaturvermittler_innen!

Dr. Petra Anders ist Juniorprofessorin für Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Mediendidaktik an der Universität Leipzig.

19.04.2016

Rafik Will: Schritt zur Schrift: Hörmedien als Instrument der Leseförderung

Buch mit Kopfhörer ©Fotolia

In der Entwicklungsreihenfolge der Sinnesorgane eines menschlichen Individuums steht der Hörsinn sehr früh an. Die Fähigkeit zur auditiven Wahrnehmung wird bereits im Mutterleib ausgebildet und kommt lange vor dem Sehen. Hören spielt auch beim Erlernen des Sprechens im Kleinkindalter eine vorrangige Rolle, baut das Sprechenlernen doch immer auf gehörten Äußerungen aus der unmittelbaren Umgebung auf. Bevor Kinder also in der Schule mit der visuell geprägten Schriftsprache konfrontiert werden, haben sie über Hören und über eigenes Sprechen bereits die Sprache in ihrer mündlichen Form zu nutzen gelernt. Auch mit Blick auf die Menschheitsgeschichte ist der orale Gebrauch von Sprache dem schriftlichen kausal vorgelagert. Für die Leseförderung in Einrichtungen wie z.B. den Leseclubs ist es damit durchaus interessant, einen Schritt »back to the roots« zu unternehmen und sich mit der gesprochenen Sprache als Fundament des Lesens zu beschäftigen.


Unter Rezeptionsaspekten sind Hörspiele und Hörbücher niedrigschwellige Angbote, da sie keine Lesekompetenz erfordern und nur mit den Ohren aufgenommen werden müssen. Zudem bieten Hörmedien Kindern oft die erste Möglichkeit zur selbstbestimmten Mediennutzung. Wie prägend Hörmedien sein können, zeigt sich am Begriff »Kassettenkinder«, mit dem die in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts groß gewordene Generation der begeisterten Hörer von »Die drei Fragezeichen« und ähnlichen Audioproduktionen bezeichnet wird.

Die Hörkultur scheint in Zeiten stark visuell geprägten Medienkonsums etwas zurückgedrängt. Dennoch sind Hörspiele und Hörbücher, sowie Reportagen und Features auch heute noch recht beliebt, wie der anhaltende Boom der Podcasts zeigt.

Für die Arbeit mit Jugendlichen und Kindern etwa in Leseclubs, die sich kaum oder wenig für das Lesen interessieren, ist besonders ein Aspekt reizvoll: Über die Umgehung der Schriftebene bietet sich die einfache Möglichkeit zur eigenen Autorenschaft. Transkribiert werden kann auch im Nachhinein. Ob eine Kiezreportage, eine aus dem Bereich der Fan-Fiction stammende Story oder ein anderer Stoff umgesetzt wird – den Ideen sind keine Grenzen gesetzt. Aufnahmetechnik ist heute in Form von Smartphones und Diktiergeräten verfügbar, Software zum Schnitt und zur Bearbeitung von Audiodateien ist etwa mit „Audacity“ sogar frei erhältlich.

Wenn am Ende dann Hörstück und Skript erstellt sind, ist das Erfolgserlebnis fast perfekt, es fehlt noch die Veröffentlichung. Statt nun eine Datei ins Netz zu stellen und auf Klicks zu warten, kann man zu diesem Zweck auch mit einem der vielen lokal organisierten freien Radios Kontakt aufnehmen, die wie etwa Radio Corax teils schon in der Kinder- und Jugendarbeit aktiv waren. Kontaktdaten finden sich auf der Website vom „Bundesverband Freier Radios“ unter freie-radios.de.

Neben aktiver Mediengestaltung kann auch das passive Hören ein Schritt zur Schrift sein. Hier sind als Materialfundgrube die öffentlich-rechtlichen Radios zu nennen, die sich um alle Altersgruppen kümmern. Sowohl die Kinderabteilungen der Kulturradios als auch die Jugendradios strahlen Lesungen und Hörspiele aus. Besonders letztere sind ästhetisch ansprechend für die jeweilige Zielgruppe aufbereitet.

Hörverlage bannen diese flüchtigen Radioarbeiten sowie Eigenproduktionen auf Tonträger und bieten so die Möglichkeit zur zeitlich selbstbestimmten Nutzung. Eine Orientierungshilfe im Dickicht dieses kommerziell geprägten Marktes bietet etwa die „hr2-Hörbuchbestenliste“, die monatlich erscheint und dabei auch für den Kinderbereich die herausstechenden Neuerscheinungen wählt und kommentiert. Zu erwähnen sind auch die jährlichen ARD-Hörspieltage, bei denen für den „Deutschen Kinderhörspielpreis“ neben Rundfunk- auch Verlagsproduktionen eingereicht werden können. Für den bei den Hörspieltagen vergebenen „Kinderhörspielpreis der Stadt Karlsruhe“ treten nur Rundfunkproduktionen an – die Besonderheit: Über den Gewinner entscheidet hier eine Kinderjury. Der Ansatz, Kinder für sich selbst sprechen zu lassen, überzeugt, schließlich führt auch der Weg zur Schrift unweigerlich über das Hören und das Sprechen.

Rafik Will lebt in Berlin, arbeitet als freier Journalist und studiert Kulturwissenschaften an der FernUni Hagen. Er schreibt u.a. eine wöchentliche Radiokolumne für die Tageszeitung junge Welt sowie regelmäßig Hörspielkritiken für den Fachdienst Medienkorrespondenz. Er war Mitglied der Jury zum »Hörspiel des Monats/Jahres« 2012.

 

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