Fensterreinigung

Sensibilisierung von Arbeitnehmern/ innen für das Problem des funktionalen Analphabetismus in Unternehmen

SAPfA

Ziel des vom Bundesministeriums für Bildung und Forschung, im Rahmen des Förderschwerpunkts "Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener", Projektes ist die Identifikation von Grundlagen zur Entwicklung von Maßnahmen, mit denen eine Sensibilisierung von Arbeitnehmern in Betrieben für das Problem des funktionalen Analphabetismus erreicht werden kann. Nicht nur unter Arbeitgebern, sondern auch und besonders unter Arbeitnehmern/innen besteht Aufklärungs-, Sensibilisierungs- und Motivationsbedarf, denn sie bilden im Arbeitsalltag das soziale Umfeld von funktionalen Analphabeten. Nur wenn die Betroffenen dieses Umfeld als unterstützend und integrierend wahrnehmen, werden sie motiviert sein, Förderangebote zur Grundbildung und Alphabetisierung an- und wahrzunehmen - und sich damit als funktionale Analphabeten zu erkennen zu geben.

Daher sollen mit einer differenzierten Erhebung (qualitative sowie quantitative Phase)  unter Beschäftigen von funktionalen Analphabetismus häufig betroffenen Branchen und Tätigkeitsfelder Grundlagen erhoben werden, um eine Basis für mögliche Maßnahmen zu schaffen. Es geht dabei v. a. um Problemwahrnehmung und -bewusstsein, Zuschreibung von Ursachen des Problems und von Verantwortlichkeiten zu seiner Behebung sowie Einstellungen und Meinungen gegenüber Betroffenen.

In alle Projektschritte werden Verantwortliche aus Verbänden von Arbeitnehmern und Arbeitgebern sowie Akteure aus dem Bereich Alphabetisierung und Grundbildung einbezogen.

Projektträger ist das deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V.

Dieses Vorhaben wird mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung unter dem Förderkennzeichen 01AB12012 gefördert.

Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt beim Autor.
26.09.2014

Viele „Mitwisser“ in den Betrieben

Präsentation der Befunde der SAPfA-Studie im Rahmen eines Fachtags am 21.10.2014 in Bonn

©Fotolia
In Deutschland leben 7,5 Millionen erwachsene Menschen, die trotz Schulbesuchs nicht richtig lesen und schreiben können. Mehr als die Hälfte von ihnen ist erwerbstätig. Eine aktuelle Studie der Stiftung Lesen zeigt, dass viele Betroffenen entgegen der gängigen Auffassung offen damit umgehen: Kollegen und Arbeitgeber wissen häufig von funktionalen Analphabeten in ihrem Umfeld. Die Stiftung Lesen stellte in Bonn Eckpunkte der Studie „Sensibilisierung von Arbeitnehmern für das Problem des funktionalen Analphabetismus in Unternehmen“ (SAPfA) im Rahmen des Förderschwerpunkts „Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung vor. Der weitgehend offene und unkomplizierte Umgang mit funktionalen Analphabeten bietet aus Sicht der Experten Chancen für zukünftige Maßnahmen im Bereich der Arbeitsplatz orientierten Grundbildung, zeigt aber auch klare Grenzen.

Sabine Uehlein, Geschäftsführerin Programme und Projekte der Stiftung Lesen betont: „Mangelnde Lesefähigkeit stellt die Betroffenen vor große Herausforderungen, ihren Alltag zu bewältigen und sich für einen Beruf zu qualifizieren. Wenn es uns nicht gelingt, niedrig qualifizierten Menschen bessere Bildungschancen und Perspektiven zur Teilhabe am sozialen und beruflichen Leben zu ermöglichen, hat das Folgen für die Wirtschaft, den Sozialstaat und damit die gesamte Gesellschaft. Alphabetisierung ist damit eine dringende Aufgabe, an der alle mitwirken müssen.“

Die SAPfA-Studie der Stiftung Lesen untersucht erstmals aus Sicht des beruflichen Umfeldes die Situation funktionaler Analphabeten am Arbeitsplatz, das Klima unter Kollegen und Vorgesetzten sowie Ansatzpunkte, wie in Unternehmen für das Problem sensibilisiert werden kann. Mit Hilfe der Studienergebnisse sollen langfristige und nachhaltige Lösungen entwickelt werden, wie im betrieblichen Umfeld das Problem des funktionalen Analphabetismus bewältigt werden kann. Im Mittelpunkt der Studie stehen Beschäftigte in Branchen und Tätigkeitsfeldern, in denen der Anteil funktionaler Analphabeten überdurchschnittlich hoch ist, zum Beispiel im Baugewerbe, in der Gastronomie oder der Gebäudereinigung.

Die Untersuchung hat gezeigt, dass funktionaler Analphabetismus am Arbeitsplatz kein verstecktes Phänomen ist: 34 Prozent der befragten Arbeitnehmer und 42 Prozent der befragten Arbeitgeber gaben an, einen oder mehrere Mitarbeiter zu kennen, die nicht oder nur schlecht lesen und schreiben können. Dementsprechend greifen sie auf Hilfsmechanismen zurück, um den Betroffenen das Lesen oder Schreiben abzunehmen, mögliche Fehler zu vermeiden und die Arbeit effizienter zu gestalten. Das kann Unterstützung beim Verstehen schriftlicher Anweisungen genauso sein wie festgelegte Farbkodierungen auf Putzmitteln. Mit Erfolg: Betriebe, in denen offen mit funktionalem Analphabetismus umgegangen wird, berichten weniger von Folgeproblemen in Form von Mehrarbeit zum Ausgleich von Fehlern oder finanziellen Belastungen als Betriebe, in denen die Betroffenen versuchen, ihre Defizite zu verheimlichen.

Dr. Simone C. Ehmig, Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen: „Unsere Studie zeigt, dass Analphabetismus am Arbeitsplatz kein echtes Tabu ist und Betroffene nicht diskriminiert werden. Auch sind viele Arbeitnehmer und Arbeitgeber der Meinung, dass das Problem nachhaltig angegangen werden sollte. Allerdings werden in der Praxis oft nur die Symptome kuriert.“

Die Gründe dafür sind vielschichtig: Der Leidensdruck der Betroffenen scheint geringer zu sein, als bisher vermutet. Die Hilfsmechanismen wirken oftmals so gut, dass ein Großteil der Befragten keine Notwendigkeit sieht, dass Arbeitnehmer in bestimmten Branchen über umfassende Lesekenntnisse verfügen müssen. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine aktuelle Studie der Universität Hamburg zum Umfeld von funktionalen Analphabeten: Viele der sogenannten „Mitwisser“ haben das Gefühl, dass die Betroffenen im Alltag gut zurechtkommen. Diese Haltung steht nachhaltigen und umfassenden Alphabetisierungsmaßnahmen häufig entgegen.

Jedoch zeigt die SAPfA-Studie der Stiftung Lesen auch Potenziale für Alphabetisierung am Arbeitsplatz: Jeder zweite Arbeitgeber ist der Ansicht, dass das berufliche Umfeld mit in der Verantwortung für Alphabetisierungsmaßnahmen steht, rund jeder vierte Arbeitgeber signalisiert die Bereitschaft, in Alphabetisierungsmaßnahmen zu investieren – entweder finanziell oder in Form von Freistellung von der Arbeit. Diese Haltung bestätigen auch Erfahrungen aus der Praxis, etwa aus dem SESAM-Projekt in Nordrhein-Westfalen, in dem konkret Grundbildungsmaßnahmen im beruflichen Umfeld umgesetzt werden.

Aus den gemeinsamen Erfahrungen und Erkenntnissen ergeben sich aus Sicht der Experten des Förderschwerpunkts „Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“ zahlreiche Ansätze für die Praxis. So ist eine weitere Verzahnung von Maßnahmen, die sowohl im beruflichen als auch im privaten Umfeld der Betroffenen ansetzen, wünschenswert. Zusätzliche Angebote, die kurzfristigen Erfolg und Nutzen bieten, können die zeitliche und finanzielle Hemmschwelle, Alphabetisierungsangebote wahrzunehmen, senken. Eine weitere Aufgabe zukünftiger berufsorientierter Maßnahmen besteht darin, den Nutzen und Mehrwert von Alphabetisierungsangeboten sowohl den Betroffenen als auch Arbeitgebern und Kollegen noch deutlicher zu machen – gegebenenfalls durch die gleichzeitige Vermittlung anderer fehlender Grundkompetenzen.

Die Befunde der Studie sowie die Vorträge der Referenten finden Sie hier:
11.09.2014

Berufliches Umfeld funktionaler Analphabeten

Chancen und Grenzen für Zugangswege über Betriebe

©Andrey Popov / Fotolia
7,5 Millionen Erwachsene gehören nach der „leo. – Level-One Studie“ der Universität Hamburg zu den so genannten funktionalen Analphabeten. Das entspricht 14,5 der 18-64-Jährigen. Die international vergleichende PIAAC-Untersuchung bestätigte vor einem knappen Jahr das Ausmaß des Handlungsbedarfs: 2012 verfügten 17,5 Prozent der 16-65-Jährigen in Deutschland über schwache Lesefähigkeiten. Jeder sechste bis siebte Erwachsene im erwerbsfähigen Alter kann somit auch einfache Texte kaum verstehen (und schreiben).

Von den funktionalen Analphabeten ist mehr als die Hälfte erwerbstätig – deshalb zielen viele Zugänge und Maßnahmen auf das berufliche Umfeld. Die Ansprache von Erwachsenen, die nicht lesen und schreiben können, über Betriebe stand im Fokus des Weltalphabetisierungstags am Montag, dem 8.9.2014. Zu einer zentralen Veranstaltung hatte das Bundesministerium für Bildung und Forschung in das Berliner Tagungszentrum im Haus der Bundespressekonferenz eingeladen.

Im Eröffnungsvortrag präsentierte die Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen, Dr. Simone C. Ehmig, erste Erkenntnisse der Studie zur „Sensibilisierung von Arbeitnehmern/ innen für das Problem des funktionalen Analphabetismus in Unternehmen“ (SAPfA), die die Stiftung Lesen im Rahmen des BMBF-Förderschwerpunkts "Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener" durchgeführt hat.

Der Vortrag steht im Download-Bereich zur Verfügung.