Statement – Der Nationale Bildungsbericht – ein Bericht einer unabhängigen Gruppe von Wissenschaftler*innen – zeigt, dass sich die Bildungsschere schon ab dem zweiten Lebensjahr öffnet. Schon dann unterscheidet sich der Wortschatz von Kindern, je nach Bildungshintergrund des Elternhauses. Eine Lücke, die oft bestehen bleibt. Erneut wird bestätigt, was wir bereits lange wissen: Bildung ist in Deutschland abhängig vom Elternhaus, das System reagiert zu spät, zu langsam und zu inkonsequent. Ein Fakt, der nicht einfach gegeben ist, sondern politisch geändert werden kann – mit den richtigen Prioritäten.
Bildung darf nicht in der Wiege entschieden werden
„Deutschland ist die größte Volkswirtschaft Europas. Wenn das so bleiben soll, brauchen wir gut ausgebildete, mutige Menschen, die neue Ideen haben und wissen, wie man sie umsetzt. Bildung und dazu gehört insbesondere die Leseförderung müssen höheren gesellschaftlichen Wert haben, der mit politischem Willen und Einsatz hinterlegt ist – und zwar gerade jetzt in herausfordernden Zeiten“, betont Dr. Jörg F. Maas, Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen. Statt zu fragen, ob wir uns mehr Budget in der Bildung leisten können, müssen wir uns fragen: Was kostet es, wenn wir das nicht tun? Das ifo Institut hat zusammen mit der Bertelsmann Stiftung errechnet, dass bessere Bildungsleistungen das BIP in Deutschland bis 2105 verfünffachen würden. Das geht aber nur, wenn vor allem Basiskompetenzen wie Lesen massiv gefördert werden.
Unverständlich: Positives Beispiel „Lesestart 1-2-3“ soll auslaufen
„Wir sind der gleichen Meinung wie Bundesbildungsministerin Prien: Gute Bildung beginnt lange vor der Schule. Deswegen ist es für uns auch unverständlich, warum trotz gleicher Meinung darüber gesprochen wird, das Programm Lesestart 1-2-3 nicht weiterzuführen. Es hat einen systemischen Zugang durch die Kinderarztpraxen. Wir erreichen 90 Prozent der Familien. Es ist unabhängig von Länderkooperation, der Bund kann hier also konkret aktiv werden. Und es bringt bereits ab dem ersten Lebensjahr Vorleseimpulse in die Familie.“ Im Rahmen von Lesestart 1-2-3 erhalten Eltern Buchgeschenke und Informationen rund um das Vorlesen und Lesen bei teilnehmenden Kinderarztpraxen. Die Geschenke für die dreijährigen Kinder werden in Büchereien vergeben, was regionale Strukturen fördert und in vielen Fällen Familien erst auf diese regionalen Netzwerke aufmerksam macht.
Leseförderung darf kein Stigma sein
Programme wie Lesestart 1-2-3 unterstützen gezielt alle Familien, da Vorlesen und Lesen in jeden Alltag gehören. Regelmäßige Sprachstandserhebungen und vor allem Maßnahmen, die daraus erfolgen, sind – wie auch im Bildungsbericht gefordert – wichtig und müssen umgesetzt werden. Gleichzeitig darf Leseförderung nicht zum Stigma werden. Deswegen unterstützt zum Beispiel unser Programm Lesestart 1-2-3 bewusst alle Familien in Deutschland. Sprach- und Leseförderung müssen positiv besetzt sein und dürfen nicht als lästige Pflicht empfunden werden. Wenn Sprache, Vorlesen und Lesen als natürlicher Teil des Alltags von allen gelebt wird, können wir etwas verändern. Deswegen müssen Vorlese- und Leseimpulse überall um uns herum sein – an Orten, an denen wir es erwarten, aber vor allem auch darüber hinaus.