Vorlesesituation: Eltern lesen Kind vor
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Mehrsprachig vorlesen

Jede Sprache ist wertvoll 

Mehrsprachigkeit ist eine echte Ressource für die Sprach- und Leseförderung. Vorlesen in unterschiedlichen Sprachen stärkt Kinder in ihrer Persönlichkeit, macht sie selbstbewusst und neugierig auf Sprache allgemein. Eltern, Großeltern, pädagogische Fachkräfte und freiwillig Engagierte dürfen in der Sprache vorlesen, in der sie sich sicher fühlen – ob Deutsch, Türkisch, Arabisch, Ukrainisch, Polnisch, Farsi, Spanisch oder eine andere Sprache. Entscheidend ist nicht Perfektion, sondern gemeinsame Zeit, Nähe und Freude an Geschichten. Rund um das mehrsprachige Vorlesen tauchen immer wieder Fragen auf. Im Folgenden beantworten wir die wichtigsten Fragen und zeigen, warum Vorlesen in der Familiensprache Kinder in ihrer sprachlichen und persönlichen Entwicklung besonders unterstützen kann. 

Ist es problematisch, wenn Kinder Sprachen mischen?

Viele mehrsprachig aufwachsende Kinder wechseln zwischen den Sprachen oder hören im Alltag unterschiedliche Sprachmelodien. Das ist kein Hindernis, sondern natürlicher Teil ihrer Lebenswelt. Vor allem von einsprachig aufgewachsenen Erwachsenen werden einige Besonderheiten beim mehrsprachigen Aufwachsen als Sprachstörung bewertet – dabei können sie ganz normal sein. Kinder nutzen die Wörter, die ihnen gerade zur Verfügung stehen. Manchmal mischen sie Sprachen oder übertragen Strukturen aus einer Sprache in eine andere. Es kann zudem Phasen geben, in denen ein Kind in einer neuen Sprache erst mehr zuhört und wenig spricht. 

Vor einem Urteil ist daher der Blick auf das einzelne Kind und sein gesamtes sprachliches Umfeld wichtig. Kinder brauchen Erwachsene, die ihr sprachliches Repertoire ernst nehmen und sie ermutigen, Sprache aktiv zu nutzen. Ein wichtiger Baustein ist dabei das mehrsprachige Vorlesen. 

Eine Erwachsene liest zwei Kindern auf einem Teppich aus einem Bilderbuch vor. Die drei schauen gemeinsam auf die geöffneten Seiten. Im Hintergrund steht ein beleuchtetes Spielzelt, das eine gemütliche Vorleseatmosphäre schafft.
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Warum ist mehrsprachiges Vorlesen wichtig?

Erwachsene zögern oft, in den eigenen Erstsprache(n) vorzulesen. Sie befürchten, dass es die Kinder verwirrt. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Kinder lernen Sprachen nicht völlig getrennt voneinander. Sie bauen Wissen über Wörter, Bedeutungen, Geschichten, Gefühle und Zusammenhänge auf – und dieses Wissen hilft ihnen auch in anderen Sprachen. Gerade wenn Eltern sich in ihrer Familiensprache sicherer fühlen, ist diese Sprache für Gespräche, Geschichten und Vorlesen besonders wertvoll. Wichtig ist, dass Kinder Freude an Sprache und Geschichten entwickeln können, denn dann wollen sie mehr entdecken.

Wird die Erstsprache in Verein, Kita, Schule oder Gesellschaft abgewertet oder ignoriert, kann das Kinder verunsichern. Durch die Wertschätzung hingegen merken Kinder: Meine Sprache ist willkommen und das stärkt ihre Freude an Sprache insgesamt. Mehrsprachiges Vorlesen stärkt so die gesamte Sprachentwicklung und unterstützt Kinder in Folge auch beim Deutschlernen. 

Eine Erwachsene sitzt mit einem kleinen Kind auf dem Boden einer Kindertageseinrichtung und liest gemeinsam ein Bilderbuch. Das Kind zeigt interessiert auf die Seiten, während die Erwachsene aufmerksam begleitet. Im Hintergrund sind Spielmaterialien und große Fenster zu sehen.
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Muss mehrsprachiges Vorlesen perfekt sein?

Mehrsprachiges Vorlesen muss weder perfekt klingen und noch braucht es besondere Vorbereitung. Es darf lebendig, gemischt und alltagsnah sein. Erwachsene können ein Buch in ihrer Familiensprache vorlesen, Bilder gemeinsam beschreiben oder eine Geschichte frei erzählen, wenn das leichter ist. Dazu finden Sie passende Bücher in unseren Lese- und Medienempfehlungen. Auch ein Wechsel zwischen Sprachen ist erlaubt. Viele mehrsprachig aufwachsende Kinder wechseln im Alltag zwischen Sprachen. Sie vergleichen Wörter, fragen nach Bedeutungen oder erzählen, wie etwas bei ihnen zu Hause heißt. Das ist kein Fehler, sondern kann ein aktiver Teil des Sprachenlernens sein als lebendiges „Neben- und Miteinander“ der Sprachen. 

Fazit: Vorlesen macht Kinder stark – in jeder Sprache

Mehrsprachiges Vorlesen ist eine Chance. Kinder erleben, dass ihre Sprache zählt, dass Geschichten zu ihrem Alltag gehören und dass Lesen etwas mit ihnen selbst zu tun hat. 

Ob zu Hause, in der Kita, in der Schule, in der Bibliothek oder beim freiwilligen Vorlesen: Wer Kindern vorliest, schenkt ihnen Zeit, Nähe und Aufmerksamkeit. Wer mehrsprachig vorliest, zeigt zusätzlich: Jede Sprache ist willkommen. Genau das stärkt Kinder – beim Deutschlernen, beim Lesenlernen und in ihrer ganzen Persönlichkeit. 

FAQ: Häufige Fragen zum mehrsprachigen Vorlesen

Wie kann ich mehrsprachig vorlesen?

Vorab ist es wichtig, den Druck rauszunehmen. Lieber kurz und häufiger vorlesen, als gar nicht. Unsere 5 wichtigsten Tipps sind:  

  1. In der eigenen Wohlfühlsprache vorlesen. 
     
  2. Mit dem Kind gemeinsam Bilder anschauen und darüber sprechen, was zu sehen ist. Ideal sind mehrsprachige Bücher, Lieder, Reime oder Familiengeschichten – im Bestfall dürfen die Kinder die Geschichte aussuchen. 
     
  3. Kein mehrsprachiges Buch zur Hand? Kein Problem: Erzählen Sie die Geschichte eines Bilderbuchs frei nach oder lassen Sie sich von einem Silent Book zum gemeinsamen Entdecken inspirieren. 
     
  4. Gemeinsam Wörter in der eigenen Umgebung entdecken, benennen und nachschlagen, wenn sie noch unbekannt sind. 
     
  5. Wiederholungen helfen. Daher gilt: Immer geduldig bleiben, wenn Kinder die gleiche Geschichte immer wieder hören wollen. Es lohnt sich. 

Wie können Bildungseinrichtungen Mehrsprachigkeit nutzen?

Auch in Kitas, Familienzentren, Bibliotheken und Vorleseaktionen kann Mehrsprachigkeit sichtbar und hörbar werden. Dafür müssen nicht alle Sprachen perfekt abgebildet werden. Entscheidend ist die Haltung: Kinder und Familien sollen spüren, dass ihre Sprache willkommen ist. 

Kleine Signale können viel bewirken:

  • Begrüßungen in verschiedenen Sprachen
  • Bücher in unterschiedlichen Sprachen, mehrsprachige Lieder, Bildkarten, Piktogramme oder Beschriftungen
  • Gestaltungselemente wie eine Sprachensonne, in die Familien ihre Sprachen eintragen, kann zeigen: Diese Vielfalt gehört zu uns. 

Besonders wertvoll: Eltern und Bezugspersonen als Sprachexpert*innen einbeziehen. Sie kennen die Sprachpraxis ihres Kindes am besten und können Geschichten, Lieder oder Wörter aus der Familiensprache in den Kita-Alltag einbringen – zum Beispiel zum Bundesweiten Vorlesetag im November. 

Was können freiwillig Engagierte tun?

Freiwillige Vorleser*innen können Mehrsprachigkeit einbeziehen, selbst wenn sie die Sprachen der Kinder nicht sprechen. Schon kleine Gesten zeigen Wertschätzung. Man kann Kinder fragen, wie ein Wort in ihrer Sprache heißt, mehrsprachige Bücher mitbringen oder einzelne Begriffe gemeinsam entdecken – dabei lernt man auch selbst viel dazu. Wichtig ist, Kinder nicht zu korrigieren oder ihre Sprache zu bewerten. Besser ist es, Sprache modellhaft anzubieten. Wenn ein Kind zum Beispiel sagt „zwei Baum“, kann eine erwachsene Person antworten: „Ja, da stehen zwei Bäume.“ So wird die richtige Form hörbar, ohne das Kind zu beschämen. Mehrsprachiges Vorlesen lebt vom Miteinander. Kinder dürfen fragen, erzählen, übersetzen, lachen und mitreden. So erleben sie: Sprache verbindet. 

Praxisnahe Tipps und hilfreiches Hintergrundwissen vermittelt die E-Learning-Kursreihe „(Vor-)Lese-Engagement“ im Campus Stiftung Lesen. Hier erhalten Interessierte alle Infos und Fakten zu den Effekten, die freiwillige Leseförderung haben kann und wie man ganz leicht ins Engagement startet. Hier  geht‘s zur kostenfreien Anmeldung für die Kurse. 

Soll ich meinem Kind lieber auf Deutsch oder in meiner Familiensprache vorlesen?

Vorlesen funktioniert am besten, wenn man sich sicher und wohlfühlt. Deswegen: In der Sprache vorlesen, auf die genau das zutrifft. Kinder profitieren von einer lebendigen, vertrauten Sprache und diese Grundlage kann ihnen auch beim Deutschlernen helfen.  

Darf ich beim Vorlesen zwischen Sprachen wechseln?

Ja. Du kannst ein Buch auf Deutsch anschauen und in deiner Familiensprache darüber sprechen. Oder du liest in einer Sprache vor und erklärst einzelne Wörter in einer anderen. 

Was ist, wenn ich kein mehrsprachiges Buch habe?

Dann kannst du trotzdem mehrsprachig vorlesen. Beschreibe Bilder in deiner Sprache, erzähle die Geschichte frei nach oder sprich mit deinem Kind über das, was zu sehen ist. Auch Lieder, Reime und Familiengeschichten zählen. Hier gibt es zudem kostenfreie, mehrsprachige Titel: 

Lesestart-1-2-3-Titel  für Kinder im Alter von 1-3 Jahren, in 18 Sprachen 

Lesestart-1-2-3-Pixi  in 6 Sprachen 

Wimmelbücher  in 14 Sprachen für Kinder im Alter von 2-6 Jahren 

Comics  in 14 Sprachen für Kinder im Alter von 6-9 Jahren 

Was mache ich, wenn mein Kind Probleme beim Deutschlernen hat?

Nicht jedes Kind spricht sofort. Manche Kinder hören erst einmal zu, beobachten und sammeln Wörter. Wichtig ist, keinen Druck aufzubauen. Fragen, Bilder, Wiederholungen und eine freundliche Atmosphäre können helfen. Hier finden Sie unsere Tipps zum Lesen lernen. Wenn es auch mit Geduld nicht besser wird, sprich mit deiner pädagogischen Fach- oder Lehrkraft, was ihr gemeinsam machen könnt, um dein Kind ggf. passend zu fördern.

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