Pressemeldung – Die heute veröffentlichten Ergebnisse der internationalen PISA-Studie bestätigen erneut die kritische Entwicklung der Bildung in Deutschland: Die Lesekompetenz von Schüler*innen verschlechtert sich weiter – der Rückgang gilt auch für Mathematik und Naturwissenschaften. Rund ein Drittel der Jugendlichen hat erhebliche Schwierigkeiten, Texte zu verstehen und Informationen zu verknüpfen oder einzuordnen. Damit fehlt ihnen die zentrale Grundlage, um in allen anderen Fächern bestehen zu können. Angesichts dieser Entwicklung fordert die Stiftung Lesen frühkindliche Leseförderung deutlich zu stärken. Denn die Voraussetzungen für gute Lesekompetenz entstehen lange vor dem PISA-Alter von 15 Jahren.
Die PISA-Studie ist die weltweit größte Bildungsvergleichsstudie und untersucht die Kompetenzen von 15-jährigen Schüler*innen unter anderem in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Die aktuellen Ergebnisse zeigen: Rund ein Drittel der Jugendlichen in Deutschland verfügt lediglich über sehr eingeschränkte Lesekompetenzen. Damit liegt Deutschland zwar knapp im OECD-Durchschnitt, aber die mit Deutschland vergleichbaren Staaten schneiden deutlich besser ab. Dazu hat sich der Zusammenhang von Leistung der Jugendlichen und der sozioökonomischen Herkunft der Familie noch einmal verstärkt. „Die katastrophalen Ergebnisse sind alles andere als eine Überraschung – überraschend wäre, wenn endlich politische Konsequenzen folgen würden“, betont Dr. Jörg F. Maas, Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen. „Wir müssen uns klar machen: Hinter dem Drittel stehen echte junge Menschen, die voraussichtlich ihr ganzes Leben lang mit den Folgen fehlender Lesekompetenz kämpfen werden – beim Lernen für alle anderen Fächer in der Schule, in ihrem Alltag, wenn sie eine Ausbildungsstelle suchen oder wenn sie auf Social Media mit Falschnachrichten konfrontiert werden. Wir sind es Kindern, Jugendlichen und unserer Gesellschaft schuldig, dass endlich etwas passiert. Wir brauchen mehr frühkindliche Leseförderung in den Familien, Sprachförderung und Vorleseaktionen in allen Kitas, Sprachstandserhebungen aus denen sich verbindliche Maßnahmen ableiten, mehr Lesezeit in der Grundschule und deutliche Investitionen für Familien, Kitas und Schulen.“
Stiftung Lesen fordert: Lesekompetenz von Anfang an in den Familien stärken
Die schlechten PISA-Ergebnisse kommen nicht überraschend. Bildungsstudien zeigen seit Jahren eine sinkende Lesekompetenz von Kindern und Jugendlichen. Dass die Ursachen dafür weit vor dem PISA-Alter liegen, verdeutlicht die IGLU-Studie: Rund jedes vierte Kind verlässt die Grundschule, ohne ausreichend gut lesen zu können. Diese Defizite sind später nur schwer auszugleichen und setzen sich häufig in der weiteren Schullaufbahn fort. „Die aktuellen PISA-Ergebnisse werden sich nicht verbessern, wenn wir nur Bildungsinstitutionen betrachten“, mahnt Dr. Jörg F. Maas. „Wer Kinder stärken will, muss sie früh erreichen – lange vor der Einschulung. Wir brauchen vor allem Anreize und Förderungen für Eltern, ihren Kindern täglich vorzulesen. 10 Minuten Vorlesen am Tag muss zum normalen Alltag gehören, wie tägliches Zähneputzen und das müssen Eltern wissen. Deswegen müssen wir Investitionen in frühkindliche Sprach- und Leseförderung endlich als notwendige Grundversorgung verstehen. Stattdessen stehen derzeit Programme wie ,Lesestart 1–2–3‘ vor dem Aus, die Familien und Kinder früh und niedrigschwellig über Kinder- und Jugendärzt*innen und Büchereien mit Buchgeschenken und Informationen in mehreren Sprachen erreichen. Das ist geradezu absurd.“
PISA 2025: So schneiden Jugendliche im Lesen ab
Im Lesen erreichen die 15-Jährigen in Deutschland 465 Punkte. Damit liegen die Leistungen zwar weiterhin auf dem OECD-Durchschnittsniveau, gleichzeitig zeigt sich jedoch ein besorgniserregender Trend: Der Anteil der Schüler*innen, die die Kompetenzstufe II nicht erreichen, ist in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich gestiegen und hat sich gegenüber 2015 verdoppelt. Seit 2015 ist auch der Anteil besonders kompetenzstarker Schüler*innen rückläufig. So sank der Anteil der Schüler*innen in Deutschland auf den Kompetenzstufen V und VI von 12 Prozent (2015) auf sieben Prozent (2025). Die Ergebnisse zur Lesekompetenz zeigen damit insgesamt eine schlechte Entwicklung an beiden Enden der Kompetenzverteilung.
Tipps für Eltern
Eine gute Lesekompetenz braucht vor allem eins: Übung. Das gilt für die Grundlagen in der Grundschule genauso wie für die weiterführenden Klassen. Üben macht aber vor allem dann wenig Freude, wenn die Fähigkeit noch nicht gut ausgeprägt ist. Wenn Kinder nicht lesen möchten, fällt gern der Satz „Jetzt kommt das Handy weg. Setz dich hin und lies etwas“. Das ist gut gemeint, verknüpft das Lesen aber als eine Tätigkeit, zu der das Kind gezwungen wird. Statt als Strafe, sollte das Lesen als Freizeitalternative angesehen werden. Es gilt daher, Lesen immer wieder als Alternative anzubieten und die passenden Voraussetzungen zu schaffen. Dazu gehört eine ruhige Leseumgebung mit gutem Licht. Gibt es keinen passenden Platz in der Wohnung, lohnt sich der Besuch einer Bücherei. Hier gibt es oft gemütliche Leseecken, in der ungestört gelesen werden kann. Die Bücherei oder der Handel helfen zudem dabei, das richtige Medium zu finden. Gerade für Kinder und Jugendliche, die sich mit dem Lesen noch schwertun, können Bücher abschreckend sein. Zeitschriften, Comics, Mangas oder Buchcomics haben kürzere Textabschnitte und können Einstiegshürden verringern. Wichtig: Unbedingt Kinder und Jugendliche (mit-) bestimmen lassen, was sie lesen wollen. Lesetipps gibt es auf der Website der Stiftung Lesen.
Mit Vorbildern gegen die Lesekrise
Was Kinder und Jugendliche erleben, prägt, was sie später selbst tun. Sie lernen über Beobachtung und Nachahmung, welches Verhalten angemessen ist oder für welche Tätigkeiten Platz im Alltag eingeräumt wird. Das gilt insbesondere fürs Vorlesen und Lesen. Der Vorlesemonitor von der Stiftung Lesen, DIE ZEIT und Deutsche Bahn Stiftung zeigt: Eltern, denen als Kind vorgelesen wurde, lesen ihren eigenen Kindern später häufiger vor. Auch Erwachsene lesen mehr, wenn ihnen vorgelesen wurde. Damit wirkt Vorlesen über Generationen und macht Vorlese-Vorbilder zu einem nachhaltigen Schlüssel für die Leseförderung. Denn Vorlesen legt die Grundlage fürs Lesenlernen. Vorbilder bringen Kinder mit Geschichten in Kontakt und zeigen gleichzeitig: (Vor-)Lesen ist ein wichtiger Bestandteil im Leben und macht Spaß. Nicht nur Eltern können Vorbilder sein, sondern jede und jeder Einzelne. Deswegen ruft die Stiftung Lesen zusammen mit Thalia und prominenter Unterstützung von Bülent Ceylan, Bernhard Hoëcker, Clarissa Corrêa da Silva, Jeff Kinney, Jess Schöne, Judith Rakers, Peter Maffay und Hendrikje Balsmeyer, Saliha Ozcan (bekannt als Sally) und Sherif Rizkallah mit der Kampagne „Ich lese vor – du auch?“ zum Vorlesen auf.
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